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Ein Blick in die Kunstgeschichte bietet andere Möglichkeiten der Beschreibung. Auf der formalen Ebene finden sich da zwei mögliche Paten der beiden Dimensionen in Göschels Werk: William Hogarth einerseits, der der S-förmigen Linie als the line of beauty den höchsten Schönheitswert zuschrieb, und Giovanni Battista Piranesi andererseits, dessen gespenstisch aufgetürmte Architektur-Phantasien sich, wie auch seine vom jähen Raum- und Lichtwechsel geprägte Veduten- und Ruinenmalerei, ins kollektive Gedächtnis der abendländischen Menschheit eingeschrieben haben.

Der Engländer Hogarth (1697-1764) und der Italiener Piranesi (1720-1778) sind - und das erlaubt diesen Vergleich - Zeitgenossen, aber solche wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten. Sie stehen beide an der Schwelle zur modernen Welt und weisen dieser ihren Weg. Hogarth, der satirische Kritiker der herrschenden Verhältnisse, tut das, indem er der Menschheit in seinem Spiegel ihr lachhaftes Bild vorhält, um so die Emanzipation aus der Unmündigkeit zu betreiben. Piranesi hingegen, der pathetische Träumer zwischen Barock und Klassizismus, stellt sich zwar ebenfalls gegen die Zeit, doch seine utopischen Welten, die sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit weisen, schaffen fernab der Realität eine Welt der Kompensation - nie erreichbar für unsereins.

Beide nun gehören zusammen, denn sie haben beide den Glauben, daß eine gute, heile Welt möglich ist. Der eine glaubt, daß sie noch kommen wird und die Menschheit ihr entgegen schreitet; der andere, daß sie längst in Trümmern vor uns liegt und alles weitere nur noch Niedergang ist. Erst in der Konfrontation dieser unvereinbaren Gegensätze zeigt sich die Welt, wie sie vermutlich wirklich ist: Sie ist Aufstieg und Niedergang, Zusammenbruch und Aufbau. Sie war nie heil und wird es nie sein. Gegen die allgegenwärtigen Ganzheitssehnsüchte verhilft nur die Ironie, sich der Widersprüchlichkeit der Welt als des Grundtatbestands menschlichen Lebens zu stellen. Der Gedanke, diese Welt sei nichts als ein großer Scherz, mag heilsamer sein, als dem vorgeblichen Ernst des Lebens zu huldigen. Denn diese Art der Ironie, die alles und zuerst sich selbst in Frage stellt, die weder zynisch noch distanziert-weltflüchtig ist, gebiert das Lachen.

Und so sind Göschels Werke: Man findet in ihnen neben Hogarths line of beauty auch dessen Schalk. Und man findet in ihnen Piranesis Konstruktion neuer Dinge aus den Trümmern des Alten, aber auch dessen traumhafte Visionen. Weil sie aber weder das eine noch das andere sind, sondern beides zugleich, weil sie keine Botschaften des Heils und keine des Niedergangs verkünden wollen, sondern dem Betrachter zutrauen, daß er seinen Weg schon findet, sind sie Werke einer Kunst, die einen neuen Dialog wagt und sich nicht darauf kapriziert, es besser als andere zu wissen.

Man findet leichter einen Zugang zu Göschels Werken - ganz gleich ob überdimensionale Skulptur oder kleine Statuette, ob man ihnen im öffentlichen Raum, im privaten Sammlerambiente oder im Atelier des Künstlers begegnet - faßt man sie als gegenständlich gewordene Fragen auf. Um keinesfalls falsch verstanden zu werden: Ein Kunstwerk verkörpert nicht eine einzige Frage, vielmehr ist es eine Anregung, Fragen zu stellen, aber auch zum genaueren Hinsehen. Gerhard Göschel möchte, wenn man so will, Nachdenklichkeit produzieren. Diese aber soll und darf keineswegs bitterernst sein. Im Gegenteil: Wer sich Arbeiten Gerhard Göschels genauer betrachtet, mag dabei zumindest eine Entdeckung machen: Die Entdeckung der Ironie.

[ Kai Michel ]

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